Die Stasi – wirkungsvolles Instrument der DDR-Diktatur

20.03.2022

Dr. Müller-Enbergs zu Gast am Chiemgau-Gymnasium – spannender Vortrag über die Staatssicherheit der ehemaligen DDR und ihr ausgeklügeltes Spitzelsystem

Die Stasi – wirkungsvolles Instrument der DDR-Diktatur

Dr. Müller-Enbergs zu Gast am Chiemgau-Gymnasium – spannender Vortrag über die Staatssicherheit der ehemaligen DDR und ihr ausgeklügeltes Spitzelsystem

 Stellen Sie sich vor, Sie müssten innerhalb einer Woche von 70 Frauen eine Geruchsprobe des Intimbereiches entnehmen und dürfen dabei weder bemerkt werden noch andere einweihen. Aufträge wie dieser waren im Staatssicherheitsdienst der DDR keine Seltenheit. In einem Vortrag Ende Februar brachte Dr. Helmut Müller-Enbergs den Schülern und Schülerinnen des Chiemgau-Gymnasiums die Zeit der DDR näher.

Bereits während seines Studiums arbeitete Dr. Müller-Enbergs als Hilfswissenschaftler an der Freien Universität Berlin in der DDR-Forschungsabteilung. Drei Jahre lang bestand seine Aufgabe darin, zwei ostdeutsche Zeitungen am Tag zu lesen, um die im Sinne der SED manipulierte Berichterstattung zu analysieren. Nach der Wende, ab 1992, war Dr. Müller-Enbergs als Mitarbeiter beim Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR tätig. Im Moment hat er einen Lehrauftrag an zwei Universitäten.

Der Politikwissenschaftler berichtet seit vielen Jahren am Chiemgau-Gymnasium über seine Erfahrungen mit der DDR und ihrem Sicherheitsdienst, der Stasi. Diese war – wie den meisten bekannt – keine normale Polizei, sondern ein großes, gut organisiertes System, welches von Überwachung über Verfolgung bis hin zu strategischen Morden die Bürgerinnen und Bürger der DDR überwachte. Mit ihren 91.000 amtlichen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen führte die Stasi Buch über jeden Menschen in der DDR sowie auch über zahlreiche Personen außerhalb des Staates, die dem sozialistischen Regime hätten gefährlich werden können. Auch die IM, die inoffiziellen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, zu denen jeder 88. Einwohner der DDR gehörte, bespitzelten als Freunde und Freundinnen, Lebenspartner und Verwandte die Menschen in ihrer Umgebung.

Sicher stellen Sie sich jetzt die Frage, aus welchen Gründen man diesen Verrat begeht. Müller-Enbergs erklärte: Etwa ein Drittel agierte aus politischer Überzeugung. Weitere dreißig Prozent handelten aus Feigheit, sich dem System entgegenzustellen. Die übrigen verweigerten die Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Staatssicherheit, weil sie mit der Ideologie der Diktatur nicht einverstanden waren. Die unbezahlten Aufgaben wurden für fleißige Spitzel mit materiellen Vorteilen wie einem Urlaub oder einem begehrten Studienplatz belohnt.

Die einzige freie Entscheidung, die die Mitglieder der Stasi treffen durften, war die Wahl eines persönlichen Decknamens – mit einer Ausnahme: Judas. Dieser Name steht für den Verrat an den eigenen Leuten und der Gedanke daran sollte vermieden werden.

Alle Aktivitäten der Angestellten wurden sauber dokumentiert, denn „in Deutschland wurden schon immer ordentlich Akten geführt“, sagte Müller-Enbergs. So kann man noch heute kostenlos seine eventuell vorhandene Stasi-Akte einsehen und auch vorher erwähnte Geruchsproben mitnehmen. Diese wurden mithilfe eines speziellen Sitzkissens gesammelt und mit High-Tech-Geräten konserviert. Besagte Proben waren in Einmachgläsern zwei Monate lang haltbar und dienten zur Fährtenverfolgung Flüchtender aus der DDR.

Der Vortrag, der viele interne Einblicke in das DDR-Ministerium für Staatssicherheit ermöglichte, begeisterte Schüler und Schülerinnen wie Lehrkräfte. Wir bedanken uns im Namen der elften Jahrgangsstufe des Chiemgau-Gymnasiums und hoffen auf viele weitere Jahre der Zusammenarbeit mit Dr. Helmut Müller-Enbergs.

Dr. Müller-Enbergs erteilt einem Schüler des Chiemgau-Gymnasiums den heiklen „Auftrag“, 70 Geruchsproben von Frauen zu sammeln, ohne dass diese es merken.
Dr. Müller-Enbergs erteilt einem Schüler des Chiemgau-Gymnasiums den heiklen „Auftrag“, 70 Geruchsproben von Frauen zu sammeln, ohne dass diese es merken.

News